Was kann eine Partie Backgammon über die Alzheimer-Krankheit verraten? Ausgehend von ihrem Gespräch in Magdeburg mit Professor Emrah Düzel, Direktor des Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung und Sprecher des DZNE-Standorts Magdeburg, plädiert die Neurowissenschaftlerin Dr. Pınar Şengül dafür, in Forschung und Versorgung den Alltag der Betroffenen und ihre verbliebenen Fähigkeiten ins Zentrum zu stellen.
Das Gespräch fand am 20. Oktober 2026 am IKND des Universitätsklinikums Magdeburg statt.
„Es gibt diese Inseln erhaltener Fähigkeiten.“ Dieser Satz von Professor Emrah Düzel ist mir seit unserem Gespräch in Magdeburg im Gedächtnis geblieben. Als Direktor des Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg untersucht er, wie das Gehirn Gedächtnis ermöglicht und wie Alzheimer diese Vorgänge beeinträchtigt. Seine Erklärung eröffnete zugleich einen Blick darauf, was Angehörige mit einem Menschen mit Demenz weiterhin teilen können.
Ich hatte ihm erzählt, wie ich mit einem etwa 90-jährigen Mann mit Alzheimer Backgammon spielte. Es fiel ihm schwer, von jüngsten Ereignissen zu erzählen. Dennoch konnte er mich schlagen und die Würfelzahlen auf Persisch ansagen, wie er es seit Jahren getan hatte. Seine Angehörigen waren überrascht. Düzel erkannte darin einen wichtigen Aspekt der Betreuung: „Es ist sehr wichtig, dass sich die Menschen wohlfühlen, und dafür gibt es bestimmte Schlüssel.“
Für mich verbindet seine Darstellung zwei Aufgaben, die gemeinsam vorankommen sollten: die Folgen der Erkrankung zu verstehen und zu verringern sowie den Alltag der Betroffenen zu unterstützen. Die Einzelheiten dieser Verbindung sind entscheidend. Düzels Erläuterungen zu Gedächtnis, Risiko und Versorgung zeigen, warum die Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen die gesamte Diskussion begleiten sollte.
Erhaltene Fähigkeiten verstehen
Düzel begann mit der Arbeit seines Teams: „Wir wollen die Mechanismen der neuronalen Schaltkreise verstehen, die dem Gedächtnis zugrunde liegen.“ Er erläuterte, dass unterschiedliche Gedächtnisformen das Zusammenwirken vieler Hirnregionen benötigen. Die Untersuchung dieser Schaltkreise ermöglicht seinem Team, Veränderungen des Gedächtnisses bei Alzheimer und ihre Folgen für den Alltag zu erforschen.
Das episodische Gedächtnis, die Erinnerung an persönliche Erlebnisse, stellt eine besondere Anforderung. Düzel erklärte: „Fakten lassen sich durch Wiederholung lernen; ein persönliches Erlebnis findet unter Umständen nur einmal statt. Das Gehirn braucht deshalb ein System, das bereits nach einem einzigen Erlebnis eine Erinnerung bilden kann.“ Diese Funktion gehöre zu denen, die bei Alzheimer früh beeinträchtigt werden.
Den Verlust beschrieb er mit einem anschaulichen Bild: „Die Veränderungen ähneln ein wenig der Erosion einer Landschaft. Stellen Sie sich Berge, Bäume und Seen vor. Einige Bäume verschwinden zuerst, andere später, während ein Berg viel länger bestehen bleiben kann.“ Er fügte hinzu: „Es verblasst nicht alles auf einmal. Vielmehr gehen unterschiedliche Teile dieser Gedächtnislandschaft verloren.“
Diese Ungleichmäßigkeit hilft zu verstehen, weshalb Schwierigkeiten mit jüngsten Erinnerungen neben weiterhin bedeutsamen Fähigkeiten bestehen können. Meine Erfahrung beim Backgammon belegte keine therapeutische Wirkung. Sie war ein Anlass, genauer hinzusehen, was dieser Mensch weiterhin gerne tat und konnte.
Risiken sorgfältig einordnen
Auch beim Risiko blieb Düzel präzise: „Altern ist der stärkste Risikofaktor, und wir verstehen noch nicht vollständig, warum das so ist.“ Er erläuterte, dass APOE ε4, eine mit Cholesterinstoffwechsel und Amyloidablagerung verbundene Variante, das Risiko erheblich erhöhen kann. Zwei Kopien sind mit einem höheren Risiko verbunden als eine. Aber auch ohne ε4 steigt das Risiko mit dem Alter. Düzel stellte klar: „Es ist keineswegs so, dass jeder Mensch an Alzheimer erkrankt.“
Ich fragte ihn nach der Schätzung der Lancet-Kommission von 2024, wonach Maßnahmen gegen 14 potenziell beeinflussbare Risikofaktoren rund 45 Prozent der Demenzfälle verhindern oder hinauszögern könnten. Seine Antwort: „Sie bezieht sich auf die Gesamtbevölkerung, nicht auf das Risiko eines einzelnen Menschen. Sie verdeutlicht, wie wichtig es ist, beeinflussbare Risikofaktoren auf Bevölkerungsebene anzugehen.“ Die Zahl darf deshalb weder zu einer persönlichen Garantie noch zum Anlass für Schuldzuweisungen werden.
Er beschrieb auch, wie Risiken gemeinsam auftreten: „Eine überwiegend sitzende Lebensweise geht häufig mit anderen Risiken einher, etwa Übergewicht, ungünstiger Ernährung und Herz-Kreislauf-Problemen. Diese Faktoren können gemeinsam auftreten.“ Hör- und Sehprobleme verdienen nach seiner Einschätzung ebenfalls Aufmerksamkeit. Auf die Frage, ob Änderungen des Lebensstils auch bei APOE ε4 relevant bleiben, antwortete er: „Veränderungen des Lebensstils sind auch bei Menschen wirksam, die diese Risikovariante tragen.“
Warum Bewegung wichtig ist
Düzels 2016 mit Henriette van Praag und Michael Sendtner in Brain veröffentlichter Übersichtsartikel behandelte Bewegung und Gedächtnis. Im Gespräch erläuterte er sein Interesse daran: „Dahinter steht eine evolutionäre Logik: Wenn man sich bewegt, verändert man seinen Standort, und das Gehirn erwartet neue Informationen. Bewegung selbst ist also ein Signal an das Gedächtnissystem.“
Er verwies zudem auf die kardiovaskuläre Komponente und auf neurotrophe Faktoren, die bei intensiverer Belastung freigesetzt werden und das Gehirn beeinflussen können. Dazu sagte er: „Diese Prozesse können die neuronale und vaskuläre Plastizität unterstützen, also die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems und seiner Blutversorgung.“ Solche Mechanismen müssen sorgfältig untersucht werden. Sie machen Bewegung nicht zu einem Versprechen, von Alzheimer zu genesen.
Einen umsetzbaren Anfang finden
Auf meine Frage nach dem wichtigsten Lebensstilfaktor unterschied Düzel die Suche nach einem einzelnen entscheidenden Mechanismus von der Frage, was ein bestimmter Mensch verändern kann. Seine praktische Erklärung lautete: „Viele Risikofaktoren hängen zusammen. Deshalb kann es sinnvoll sein, diejenige Veränderung zu finden, die weitere Veränderungen ermöglicht.“
Er gab zwei Beispiele: „Für einen Menschen kann das bedeuten, soziale Isolation zu überwinden. Für einen anderen kann mehr körperliche Aktivität der Ausgangspunkt sein, um mehrere Schwierigkeiten anzugehen.“ Zugleich erkannte er die Schwierigkeit an: „Alles auf einmal zu verändern, ist sehr schwer.“ Ihm ging es darum, den Ansatz zu finden, der einer Person hilft, ihr gesamtes Risikomuster zu verändern. Für mich spricht das für Unterstützung, die an den jeweiligen Lebensumständen ansetzt.
Düzel benannte auch die Grenzen neuer Forschung. Nach der Mittel-Elbe-Interventionsplattform und PrecisePrevent gefragt, sagte er: „Diese Projekte dienen der Entdeckungsforschung. Sie ermöglichen es uns, vielversprechende Ansatzpunkte zu identifizieren, die anschließend in größeren, multizentrischen Studien geprüft werden müssen.“ Er ordnete sie als Teil einer gemeinsamen Aufgabe des Forschungsfeldes ein. Vielversprechende Ansätze brauchen weiterhin diesen nächsten Prüfungsschritt.
Behandlung und Unterstützung für Familien
Genetische Informationen spielen auch bei der Beurteilung einer Behandlung eine Rolle. Düzel erklärte: „Der APOE-Status ist außerdem von Bedeutung, wenn wir die neueren Amyloid-Antikörpertherapien in Betracht ziehen. Im Rahmen dieser Beurteilung müssen wir den APOE-Status der Patientin oder des Patienten bestimmen.“ In der EU sind Lecanemab und Donanemab für bestimmte Menschen mit früher Alzheimer-Erkrankung, bestätigter Amyloidpathologie und einer oder keiner Kopie von APOE ε4 zugelassen. Weitere klinische Kriterien und Sicherheitskontrollen sind erforderlich.
Die alltäglichen Anforderungen an Angehörige blieben für ihn zentral: „Einen Menschen mit Demenz zu betreuen, ist sehr schwer. Es ist eine enorme Herausforderung für Familien, praktisch eine Aufgabe rund um die Uhr, die ihr Leben verändern kann.“ Er riet dazu, frühzeitig fachliche Beratung für Pflege und Betreuung zu suchen sowie ärztliche Unterstützung bei jemandem zu finden, der die Erkrankung versteht.
Dann wandte er sich den Pflegenden selbst zu: „Pflegende Angehörige sollten aber auch versuchen, sich selbst nicht zu vernachlässigen. Ihre eigene körperliche und psychische Gesundheit braucht ebenfalls Aufmerksamkeit.“ Er erkannte an, wie schwierig das sein kann, und schloss mit den Worten: „Vergessen Sie sich selbst nicht.“ Damit dieser Rat umsetzbar ist, brauchen Familien Zeit, Orientierung und konkrete Hilfe durch die Dienste, die sie begleiten.
Raum für Verbindung schaffen
Mein Einsatz für ältere Menschen hat eine persönliche Geschichte. Nach dem Tod meiner Großmutter, die ich sehr geliebt habe, versprach ich mir, mich mit Alzheimer zu beschäftigen und öffentlich zu vermitteln, warum ältere Menschen mehr Aufmerksamkeit verdienen. Düzels Antwort auf meine Backgammonerfahrung gab diesem Versprechen eine praktische Richtung.
„Ein solcher Schlüssel kann ein Musikstück, ein Lied oder eine bestimmte Erinnerung sein“, sagte er. „Wenn man ihn für diesen Menschen findet, kann das für ihn und seine Familie sehr bereichernd sein. Es kann einen Moment der Entspannung schaffen, vielleicht sogar des Glücks.“
Ich empfehle außerdem eine ausgewogene Ernährung mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln, die sich positiv auf die kognitive Gesundheit auswirken kann. Eine der wertvollsten Formen der Unterstützung für Menschen mit Demenz ist die Zeit, die wir ihnen schenken: miteinander sprechen und zuhören, gemeinsam Lieblingslieder hören und mitsingen oder eine Tätigkeit wieder aufgreifen, die ihnen früher Freude gemacht hat und die sie gut beherrscht haben. Ob Backgammon, Klavierspielen oder ein anderes vertrautes Hobby: Wir können die Aktivität an ihre Fähigkeiten anpassen und gemeinsam mit ihnen in ihrem eigenen Tempo Freude daran haben.
Über die Autorin
Dr. Pınar Şengül ist Neurowissenschaftlerin und Neuropsychologin, die an der Acıbadem Mehmet Ali Aydınlar Universität in Istanbul in Neurowissenschaften promoviert wurde. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie dort mithilfe NMR-basierter quantitativer Metabolomik Liquor und Serum von Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose. Ihre Forschung umfasst klinische Biomarker sowie neuroinflammatorische und neurodegenerative Erkrankungen. Sie ist Erstautorin einer 2025 im Journal of Molecular Neuroscience erschienenen gezielten ¹H-NMR-Serum-Metabolomik-Studie zur möglichen frühen Multiplen Sklerose sowie des 2026 im International Journal of Molecular Sciences erschienenen Fachartikels „Serum Metabolomic Profiling Across Five Oligoclonal Band (OCB) Patterns: A Targeted ¹H-NMR Study in Serum“. Seit ihrer Promotion in den Neurowissenschaften arbeitet sie als freie Wissenschaftsjournalistin und interviewt Forschende aus aller Welt, insbesondere Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler. Sie ist außerdem Mitglied im Deutschen Fachjournalisten-Verband (DFJV), der seinen Sitz in Berlin hat.
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