Im zweiten Teil seines Interviews mit The European Scientist zieht Nazim S. Gruda, Präsident der Union of European Academies for Sciences Applied to Agriculture, Food and Nature (UEAA), Bilanz der Generalversammlung Tirana 2026 und erläutert, was der Westbalkan und andere Beitrittskandidaten in die europäische Agrarwissenschaft einbringen können. Außerdem spricht er über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2027, einen klimaangepassten Gartenbau und darüber, warum sich die Akademien früher und in verständlicherer Sprache in die öffentliche Debatte über Landwirtschaft einbringen müssen.
Dies ist der zweite Teil unseres Interviews mit Nazim S. Gruda. Zum ersten Teil: „Einfluss entsteht, wenn man im richtigen Moment nützlich ist“.
Prof. Dr. Nazim S. Gruda ist ein international anerkannter Experte für innovativen, nachhaltigen Gartenbau. Er leitet die ISHS-Division Greenhouse and Indoor Production Horticulture und ist Chefredakteur sowohl des International Journal of Vegetable Science als auch der Encyclopedia of Vegetable Science. Mit mehr als 450 Veröffentlichungen (über 225 davon in Scopus indexiert) gehört er zu den meistzitierten Wissenschaftlern seines Fachgebiets. Er war Courtesy Associate Professor an der University of Florida (2003) und Visiting Research Scholar an der Virginia Tech (2007). Zu seinen Auszeichnungen zählen der Dr.-Heinrich-Baur-Preis (TU München, 2003), der Nationalpreis der Akademie der Wissenschaften Albaniens (2017), der Distinguished Scientist Award der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (2020 und 2025) sowie die Ehrenmitgliedschaft der ISHS (2026). Er ist korrespondierendes Mitglied der Accademia dei Georgofili (Italien), Ehrenmitglied der Rumänischen Akademie der Land- und Forstwirtschaftswissenschaften, internationales Mitglied der Litauischen Akademie der Wissenschaften und ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften Albaniens.
Foto: privat (Nazim S. Gruda).
Tirana 2026: Ergebnisse und der Westbalkan
The European Scientist: Das Symposium in Tirana stand unter dem Motto „Nachhaltige europäische Landwirtschaft und ausgewogenes Management natürlicher Ressourcen“. Was sind, über die Reden hinaus, die zwei oder drei zentralen Botschaften oder Beschlüsse der Generalversammlung, die die europäischen Entscheidungsträger hören sollen?
Nazim S. Gruda: Das Thema von Tirana wurde bewusst gewählt: Ernährungssicherheit und ein verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen gehören zusammen. Ich möchte drei Botschaften aus unseren Diskussionen hervorheben.
Erstens können sich Produktivität und Nachhaltigkeit gegenseitig verstärken, wenn Innovation die Ressourceneffizienz verbessert und tragfähige landwirtschaftliche Einkommen sichert. Umweltziele brauchen praktische Instrumente, Investitionen und wissenschaftliche Unterstützung.
Zweitens verdienen Wasser und Boden eine koordinierte europäische Aufmerksamkeit, verbunden mit Antworten, die an die örtlichen Bedingungen angepasst sind. Ihre Bewirtschaftung ist grundlegend für die langfristige Fähigkeit, Nahrungsmittel zu erzeugen.
Drittens müssen wir den Abstand zwischen Forschung und Betrieben verringern – und zwischen Politikgestaltung und Landwirten. Unser Programm reichte deshalb über die Konferenzsäle hinaus, mit Besuchen der Landwirtschaftlichen Universität Tirana, dem Zentrum für Agrartechnologietransfer in Lushnjë und Betrieben der Region.
Unsere Botschaft an die Entscheidungsträger lautet, Nachhaltigkeit an messbaren Ergebnissen in den Betrieben, in den Landschaften und in den Ernährungssystemen zu bewerten. Die Politik muss zudem so beständig sein, dass Landwirte ihre Investitionen über Jahre planen können. Meine Einladung an die Politik ist einfach: Beziehen Sie uns frühzeitig ein, und stellen Sie uns die schwierigen Fragen. Eine anspruchsvolle Diskussion heute, kann einen kostspieligen Fehler morgen verhindern.
TES: Die Generalversammlung in Albanien abzuhalten, das der UEAA 2022 beigetreten ist, und einen albanischen Präsidenten zu wählen, mit einem Vertreter der Akademie der Wissenschaften und Künste des Kosovo unter den neuen Beobachtern, sendet ein Signal. Was können der Westbalkan und andere Beitrittskandidaten (Moldau, Ukraine, Georgien) in die europäische Agrarwissenschaft einbringen? Was bedeutet die EU-Erweiterung für die Ernährungssysteme und die Forschungszusammenarbeit?
N.S.G.: Für mich lautet die Botschaft von Tirana, dass die Zukunft der europäischen Landwirtschaft auf dem Fachwissen des gesamten Kontinents aufbauen muss, auch von Ländern außerhalb der EU. Albanien bringt mediterran-balkanisches Fachwissen bei Gemüse, Oliven und geschütztem Anbau ein; Moldau und Georgien bringen genetische Vielfalt sowie Erfahrung im Wein- und Obstbau ein; die Ukraine steuert Fachwissen in der großflächigen Landwirtschaft und in der Aufrechterhaltung der Produktion unter außergewöhnlichem Druck bei. Diese Erfahrungen sind wertvoll, während sich Europa an den Klimawandel anpasst.
Die Assoziierung dieser Länder mit Horizon Europe bietet einen Rahmen für die Zusammenarbeit schon vor dem Beitritt. Für die Ernährungssysteme bedeutet die Erweiterung, die Forschung mit Lebensmittelsicherheit, Pflanzengesundheit und Produktionsstandards zu verknüpfen und zugleich den Institutionen zu helfen, sich wirksam an gemeinsamen Projekten zu beteiligen. Die wissenschaftliche Integration kann dem politischen Beitritt vorausgehen, zum Nutzen beider Seiten.
Die UEAA kann diese Verbindungen stärken, doch unser Wirken erstreckt sich auf ganz Europa. In Tirana haben wir Verbindungen erneuert und neue Vertreter von Akademien aus Portugal, Griechenland, der Ukraine und Litauen begrüßt. Besonders gefreut hat uns die Teilnahme der im Februar 2026 gegründeten Andalusischen Akademie für Landwirtschaft aus Spanien. Wenn traditionsreiche Akademien und neue Institutionen zusammenkommen, erweitert das die Bandbreite des uns zur Verfügung stehenden Fachwissens. Ziel ist es, diese Vielfalt in eine dauerhafte Zusammenarbeit zu verwandeln, die Forschenden und Landwirten in ganz Europa zugutekommt.
Die Herausforderungen der europäischen Landwirtschaft
TES: Mit dem Krieg in der Ukraine, Klimaextremen und Handelsspannungen ist die Ernährungssicherheit wieder ganz oben auf der Agenda. Seit 2024 hat die EU ihren Verordnungsvorschlag zur Verringerung des Pestizideinsatzes zurückgezogen, mehrere Ziele des Green Deal und der Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ im Namen der „Vereinfachung“ abgeschwächt und verhandelt nun über die GAP nach 2027. Ist das eine gesunde Neuausrichtung zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit oder ein Rückschritt, vor dem die Wissenschaft warnen sollte?
N.S.G.: Ich würde diese Änderungen nach ihren Folgen beurteilen, statt sie pauschal zu befürworten oder abzulehnen. Wettbewerbsfähigkeit ist wichtig: Landwirte brauchen tragfähige Betriebe, um in Umweltverbesserungen investieren zu können. Vereinfachung ist legitim, sie sollte aber unnötigen Verwaltungsaufwand verringern, ohne den Umweltschutz zu schwächen.
Mit dem Rückzug des Verordnungsvorschlags zu Pestiziden sind die bestehenden Verpflichtungen nicht entfallen. Offen bleibt jedoch, wie Europa seine Ziele zur Verringerung der Pestizidrisiken erreichen will. Landwirte brauchen wirksame, bezahlbare Alternativen, darunter den integrierten Pflanzenschutz, die biologische Schädlingsbekämpfung und widerstandsfähigere Sorten.
Die Wissenschaft sollte davor warnen, langfristige Widerstandsfähigkeit gegen kurzfristige Entlastung einzutauschen. Gesunde Böden, eine verlässliche Wasserversorgung und Biodiversität sind die Grundlage einer produktiven Landwirtschaft. Umweltmaßnahmen müssen zudem ihre Auswirkungen auf Erträge, Produktqualität, Kosten und die Anpassungsfähigkeit der Landwirte berücksichtigen.
Für die GAP nach 2027 hat sich unsere Arbeitsgruppe dafür ausgesprochen, umweltschädliche Subventionen schrittweise abzubauen und messbare Umwelt- und Klimaleistungen zu honorieren. Landwirte brauchen außerdem stärkere Instrumente für das Risikomanagement und anhaltende Investitionen in Wissen und Innovation. Die Reform sollte diese Veränderungen für die Erzeuger wirtschaftlich tragfähig machen.
Wir sollten weder so tun, als seien Umweltziele für Landwirte kostenlos, noch als sei die Schädigung der Umwelt für die Gesellschaft kostenlos. Ziel ist eine wettbewerbsfähige Landwirtschaft, die die Ressourcen schützt, von denen ihre Zukunft abhängt.
TES: Der Klimawandel ist Ihr Fachgebiet: geschützter Anbau, erdelose Kultursysteme, Landwirtschaft in kontrollierter Umgebung, urbaner Gartenbau. Welche praktischen Innovationen könnten in den nächsten zehn Jahren einen messbaren Unterschied für die europäische Gemüse- und Obstproduktion machen? Was hält sie auf: Kosten, Energie, Regulierung, Kompetenzen oder Akzeptanz?
N.S.G.: Für das kommende Jahrzehnt sehe ich drei praktische Prioritäten.
Erstens können die Wiederverwendung von Drainagewasser und die Rückgewinnung von transpiriertem Wasser in entsprechend ausgestatteten Gewächshäusern den Süßwasserbedarf senken. Die Einsparungen hängen von Kultur und System ab; allerdings müssen auch die Energiekosten berücksichtigt werden.
Zweitens die Modernisierung von Gewächshäusern mit klimagerechter Lüftung, Schattierung, Energieschirmen und Wärmerückgewinnung. KI und digitale Zwillinge – virtuelle Modelle, die mit Sensor- und Pflanzendaten aktualisiert werden – können helfen, Steuerungsstrategien zu testen, müssen aber unter kommerziellen Anbaubedingungen validiert werden.
Drittens Sorten und Unterlagen, die besser an Hitze, Trockenheit oder Salzgehalt angepasst sind. Im Obstbau lassen sie sich mit gezielter Bewässerung und Schutznetzen kombinieren und unter örtlichen Bedingungen erproben.
Technische Leistungsfähigkeit allein reicht nicht: Die Erzeuger brauchen eine verlässliche Rendite ihrer Investitionen. Investitionskosten, Energiepreise und Kompetenzen bleiben große Hürden. Vertical Farming reagiert besonders empfindlich auf Stromkosten; Kreislaufsysteme erfordern Fachwissen über Wasserqualität und Pflanzengesundheit. Neue Züchtungstechniken brauchen zudem klare regulatorische Wege sowie das Vertrauen von Erzeugern und Verbrauchern. Der urbane Gartenbau wird Europa nicht ernähren, aber seine Erkenntnisse zu Bewässerung, Nährstoffrecycling und Ressourceneffizienz können anderen Produktionssystemen zugutekommen.
Demonstrationsbetriebe sollten daher über mehrere Saisons hinweg Investitionskosten, Einsparungen im Betrieb, Ertrag und Qualität dokumentieren. Das gibt den Erzeugern eine glaubwürdige Grundlage für die Entscheidung, was funktioniert – und was sich rechnet.
TES: Wissenschaftler beklagen oft, dass die öffentliche Debatte über Landwirtschaft, von Pestiziden über Genomeditierung bis zur KI, eher von Angst als von Evidenz bestimmt wird. Was sollten die Akademien in ihrer Kommunikation anders machen? Und worum würden Sie Journalisten bitten?
N.S.G.: Die Akademien müssen aufhören anzunehmen, dass Fakten für sich selbst sprechen. Wir treten oft zu spät in öffentliche Diskussionen ein und verwenden eine Fachsprache, während die Menschen wissen wollen, was eine Entwicklung für ihre Ernährung, ihren Lebensunterhalt oder ihre Umwelt bedeutet. Bedenken verdienen eine ernsthafte Antwort und dürfen nicht als Unwissenheit abgetan werden.
Wir brauchen kürzere Stellungnahmen, eine verständliche Sprache und Beispiele aus echten Betrieben. Wir müssen erklären, was bekannt ist, was unsicher bleibt, wer davon profitiert und wer die Risiken trägt. Finanzierung und mögliche Interessenkonflikte sollten transparent sein. Vor allem sollten wir mit Landwirten und Verbrauchern sprechen, nicht nur zu ihnen.
Ich würde Journalisten bitten, die Belastbarkeit der Evidenz zu prüfen, zwischen Gefahr und Risiko zu unterscheiden und ungleich gewichtete Evidenz nicht als wissenschaftlichen Streit mit fünfzig zu fünfzig darzustellen. Sie sollten Wissenschaftlern, der Industrie, Aktivisten und politischen Entscheidungsträgern dieselben Fragen stellen: Worauf stützt sich diese Behauptung? Unter welchen Bedingungen gilt sie? Wo liegen ihre Grenzen?
Die Akademien können dazu beitragen, indem sie die einschlägigen Fachleute zugänglich machen und zügig antworten, wobei sie die redaktionelle Unabhängigkeit respektieren. Ziel ist es, eine fundierte Prüfung und Diskussion zu ermöglichen.
Gemeinsam können Wissenschaftler und Journalisten komplexe Fragen klarer machen – nicht bloß lauter. Vertrauen hängt davon ab, sowohl die Möglichkeiten der Innovation als auch ihre Grenzen zu erklären.
Interview von The European Scientist
This post is also available in: EN FR