Von Dr. Gowri Yale
Dr. Gowri Yale, Tierärztin und international anerkannte Expertin für Tollwut, warnt, dass jüngste Nachweise in Mitteleuropa zeigen: die Ausrottung einer Krankheit ist nie endgültig. Sie plädiert für nachhaltige Impfung, starke Überwachung und echte One-Health-Zusammenarbeit — zum Schutz von Tieren und Menschen und zur Sicherung hart erkämpfter Fortschritte gegen eine nach wie vor tödliche, doch hochgradig verhinderbare Krankheit.
Tollwut stellt ein Paradoxon dar: Sie ist eine der tödlichsten Infektionskrankheiten der Welt, sobald Symptome auftreten, und zugleich eine der am leichtesten zu verhindernden. Trotz jahrzehntelanger Fortschritte und der Verfügbarkeit wirksamer Impfstoffe fordert Tollwut weiterhin jedes Jahr fast 60.000 Menschenleben.
Die jüngsten Tollwutfälle in Teilen Mitteleuropas machen deutlich, dass die Ausrottung einer Krankheit kein dauerhaftes Ergebnis ist. Selbst dort, wo bereits erhebliche Fortschritte erzielt wurden, erfordert die Aufrechterhaltung der Tollwutfreiheit ständige Wachsamkeit, eine zuverlässige Überwachung und nachhaltige Investitionen in die Prävention. Da Tier- und Menschenpopulationen grenzüberschreitend immer stärker miteinander verflochten sind, bleibt der Schutz dieser Errungenschaften eine gemeinsame Verantwortung.
Tollwut ist zudem eines der deutlichsten Beispiele dafür, warum ein One-Health-Ansatz so wichtig ist. Die Krankheit steht an der Schnittstelle zwischen Tiergesundheit, menschlicher Gesundheit und Umweltmanagement. Der Erfolg hängt vom koordinierten Vorgehen zwischen Veterinärbehörden, Gesundheitsbehörden, Wildtierexperten, politischen Entscheidungsträgern, lokalen Gemeinschaften und Partnern aus der Industrie ab.
Impfungen: Der Grundpfeiler der Tollwutprävention
Impfungen sind nach wie vor das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der Tollwut. Um jedoch ein hohes Immunitätsniveau in den Tierpopulationen zu erreichen und aufrechtzuerhalten, bedarf es mehr als nur regelmäßiger Impfkampagnen. Langfristiges Engagement, ausreichende Ressourcen und auf die lokalen Gegebenheiten zugeschnittene Strategien sind unerlässlich, um sicherzustellen, dass der Schutz auch die am stärksten gefährdeten Tierpopulationen erreicht.
Eine der größten Herausforderungen sind Hunde, die weltweit nach wie vor die Hauptquelle für die Übertragung der Tollwut auf den Menschen darstellen. Dies gilt insbesondere für Wildtierreservoire und Tierpopulationen in der „letzten Meile“ (frei lebende und streunende Hunde), die mit herkömmlichen Methoden des Einfangens und Impfens möglicherweise nicht erreichbar sind. Die Schließung dieser Immunitätslücken ist entscheidend, um das Wiederauftreten der Krankheit zu bekämpfen — selbst in Gebieten, in denen bereits erhebliche Fortschritte erzielt wurden. Innovative Impfansätze, darunter gegebenenfalls auch orale Impfstrategien, können dazu beitragen, die Durchimpfungsrate zu erhöhen und umfassendere Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung zu unterstützen.
Überwachung: Die Grundlage für eine nachhaltige Eliminierung
Eine wirksame Tollwutbekämpfung ist vielschichtig. Impfungen allein reichen nicht aus und müssen durch leistungsfähige Überwachungssysteme ergänzt werden, die in der Lage sind, Fälle schnell zu erkennen, die Ausbreitung der Krankheit zu verfolgen und gezielte Maßnahmen zu steuern, wobei die Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie die größte Wirkung erzielen können.
Eine zeitnahe Laborbestätigung, transparente Meldemechanismen und ein koordinierter Informationsaustausch zwischen den Tiergesundheits- und öffentlichen Gesundheitsbehörden sind allesamt entscheidende Bestandteile eines wirksamen Überwachungssystems.
One-Health-Kooperation
Damit regionale und globale Programme zur Ausrottung der Tollwut erfolgreich sein können, muss die Zusammenarbeit über einzelne Sektoren hinausgehen. Regierungen und, soweit relevant, kommunale Organisationen, die Zivilgesellschaft, Forschungseinrichtungen und Unternehmen der Tiergesundheit haben alle eine Rolle bei der Entwicklung und Umsetzung wirksamer, wissenschaftsbasierter Strategien.
Die Welt verfügt bereits über die Werkzeuge, die nötig sind, um die Last der Tollwut dramatisch zu verringern und letztlich die vom Hund übertragene Tollwut beim Menschen zu eliminieren. Die Herausforderung liegt nicht im Mangel an wissenschaftlichem Wissen, sondern in der nachhaltigen Umsetzung bewährter Maßnahmen. Fortgesetzte Investitionen in Impfung, Überwachung und sektorübergreifende Zusammenarbeit sind unerlässlich.
Weiter lesen
Der Kampf gegen die Newcastle-Krankheit: Für eine sichere Zukunft der Geflügelhaltung
This post is also available in: EN