Alain Madelin war französischer Wirtschafts- und Finanzminister (1995), Industrieminister (1986-1988) und anschließend Minister für Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklung (1993-1995), Gründer von Idées Action und von 1997 bis 2002 Vorsitzender der Partei Démocratie libérale. Er wiederholt unermüdlich, dass die kommenden zehn Jahre „die fabelhaftesten der gesamten Menschheitsgeschichte“ sein werden. Diese Erzählung stellte er in den Mittelpunkt des Campus „Laissez-nous faire“, der im Juli in Aix-en-Provence stattfand. Technologische Exponentialkurve, Energieüberfluss, Vorsorgeprinzip, Europas Rückstand, KI und Arbeit, Forschung, Jugend: Im Gespräch mit The European Scientist plädiert er dafür, „die Zukunft entstehen zu lassen“.
Das „fabelhafte Jahrzehnt“
The European Scientist: Sie sagen immer wieder, die kommenden zehn Jahre würden die fabelhaftesten der gesamten Menschheitsgeschichte sein – so sehr, dass Sie daraus eine Show gemacht haben, die im Juli auf dem Campus „Laissez-nous faire“ gezeigt wurde. Woher kommt dieses Projekt, und warum erzählen Sie diese Geschichte gerade jetzt?
Alain Madelin: Die Überzeugung, dass die nächsten zehn Jahre die fabelhaftesten der gesamten Menschheitsgeschichte sein werden, rührt ganz einfach von einer schlichten Beobachtung dessen her, was vor gut zwanzig Jahren im Silicon Valley geschah. Damals war der Star übrigens weniger die künstliche Intelligenz als die Genetik. Aber es gab bereits Ray Kurzweil, Peter Diamandis, ein ganzes Team, aus dem die Singularity University hervorgehen sollte. Mit der Idee, dass der technologische Fortschritt – getragen nicht von künstlicher Intelligenz, sondern von der Rechenleistung der Informatik – zu einer Exponentialkurve führen würde, zu einer Explosion der Rechenkapazitäten mit außergewöhnlichen Folgen.
Wenn man genau hinsieht, liegt der Ausgangspunkt dieser Explosion im Jahr 1970. 1970, kurz nach dem ersten Menschen auf dem Mond. Es ist auch das Jahr von Alvin Tofflers Der Zukunftsschock, das mich sehr geprägt hat: Er sieht einen großen Wandel kommen, beinahe einen Zivilisationswandel – wie er später sagen wird –, und er sieht das Wissen aufkommen. 1970 ist schließlich das Jahr des ersten Mikroprozessors, des kleinen Gehirns auf einem Chip, des Intel 4004, und des berühmten Mooreschen Gesetzes: Man würde sich ungefähr alle zwei Jahre verdoppeln.
Kurzweil verortete die Explosion des Wissens und das Aufkommen einer neuen Zivilisation im Jahr 2045. Ich habe ganz einfach von 1970 bis 2045 nachgerechnet – ich habe das sogar vor zwanzig Jahren geschrieben, und vor Kurzem noch einmal: Der Moment, in dem die Exponentialkurve umschlägt und fast senkrecht wird, fiel in die Mitte des Jahrzehnts 2020-2030. Ich sagte mir: Da ist es, und von da an werden wir eine ganz und gar fabelhafte Zeit erleben. Die Idee des „fabelhaften Jahrzehnts“ ist jünger, denn man merkt, dass das, was Kurzweil für 2045 ankündigte, wohl deutlich früher eintreten wird. Deshalb sage ich: 2026-2036 ist wirklich das fabelhafte Jahrzehnt. Der Homo creator wird noch nie so viel in so kurzer Zeit geschaffen haben wie in der Epoche, in der wir leben – ohne jeden Zweifel in der gesamten Geschichte der Menschheit.

TES: Sie berufen sich auf das Mooresche Gesetz und auf eine Singularität lange vor 2045. Doch schon 1958 sah Raymond Ruyer in Les Limites du progrès humain (Die Grenzen des menschlichen Fortschritts) den technischen Fortschritt als beschleunigte Explosion, die zum Stillstand kommen müsse: Die Beschleunigungskurve werde zu einer S-Kurve, die in ein unbestimmtes Plateau münde. Gilbert Simondon entgegnete ihm, man dürfe menschlichen und technischen Fortschritt nicht verwechseln: „Nichts erlaubt uns zu glauben, dass die Menschheit, nachdem sie die technische Entwicklung zur Sättigung gebracht hat, […] nicht ein neues Feld des Fortschritts finden wird.“ Welche Form hat die Kurve Ihrer Meinung nach: Kurzweils Exponentialkurve, Ruyers Sigmoide oder Simondons aufeinanderfolgende Zyklen? Wo stehen wir heute?
AM: Das ist alles kompliziert! Ich habe mich vor sehr langer Zeit mit der Frage beschäftigt; verzeihen Sie, wenn ich ein wenig vergessen habe, was ich damals herausgefunden hatte. An Ruyer erinnere ich mich, an Simondon etwas weniger. Aber der erste Gedanke braucht keine gelehrten Referenzen, er ist eine Frage des gesunden Menschenverstands: Kann es eine unendliche Exponentialkurve geben? Die Antwort lautet nein.
Um das zu zeigen, nehme ich oft ein Beispiel. Ich bin die Mutter Jesu vor 2026 Jahren: Bei der Geburt meines Sohnes lege ich eine kleine römische Goldmünze an – einen Aureus –, wie sie damals im Umlauf waren. Sie wog 8 Gramm Gold. Hätte ich sie zu 2 % oder 3 % angelegt, wären das heute bei 2 % das 9,5-Millionenfache des gesamten jemals von der Menschheit geförderten Goldbestands, bei 3 % das 3,6-Billiardenfache desselben Bestands. Es war also von Natur aus und nach gesundem Menschenverstand völlig unmöglich. Auch ohne die komplexen mathematischen Erklärungen, die es gibt, war es an sich unmöglich: Auf dem Weg dieser Exponentialkurve hätte es Plünderungen gegeben, große Pestepidemien, verlorene Söhne … oder ganz einfach den Fiskus. Dann gibt es eine ganze Reihe von Erklärungen: wirtschaftliche, menschliche, institutionelle, die Knappheit der Ressourcen … und dann Ruyers Erklärung. Sie ist interessant – Gott weiß, dass Ruyer mein Lehrmeister ist und ich ihn sehr schätze –, aber ihm fehlte die Intuition der Wissensökonomie. Er dachte als Ingenieur, als Kybernetiker, im Rahmen einer Ökonomie der Knappheit. Bei Simondon ist das, glaube ich, etwas weniger der Fall.
Abgesehen davon ist die Idee der S-Kurve eine kluge Idee, und ich übernehme sie gern. Ich hatte mich mit dem Thema beschäftigt, denn die Exponentialkurve ist faszinierend: Man kann eine Exponentialkurve haben, dann beruhigt sie sich irgendwann, und man bricht anderswohin auf. Man folgt nicht mehr derselben Kurve, man startet in ein anderes Abenteuer. Das ist ein sehr schönes Thema zum Nachdenken, auch wenn es uns heute nicht betrifft: Wir befinden uns offenbar noch für eine ganze Weile auf dem exponentiellen Teil der Kurve, und sei es nur, weil das Wissen nahezu unbegrenzt ist. Ich tausche mein Wissen gegen deines, wir bereichern uns gegenseitig, und das zum Nulltarif.
TES: Setzt Ihr Optimismus voraus, dass die Zukunft im Voraus geschrieben ist, oder hängt er von politischen Entscheidungen ab, die infrage gestellt werden können? Gibt es Ihrer Meinung nach einen technologischen Determinismus?
AM: Ich glaube, es gibt eine dem Menschen innewohnende Bahn: Das ist die Geschichte des Homo creator. Seiner schöpferischen Begabung, seinem Willen, immer höher und immer weiter zu gehen, sind keine Grenzen gesetzt. Aber natürlich hängen wir auch von politischen Entscheidungen ab. Wenn Herr Putin morgen beschließt, einen Atomkrieg auszulösen, ist das ein Ereignis, das das Mooresche Gesetz in Sachen Wissen wohl ziemlich durcheinanderbringen würde! Nichts ist im Voraus geschrieben: Das menschliche Handeln kann jederzeit in die gute oder in die schlechte Richtung gehen. Das ist eine Realität.
Überfluss statt Degrowth
TES: Im Anschluss an Alvin Toffler beschreiben Sie den Übergang von einer Ökonomie der Knappheit zu einer Ökonomie des Überflusses. Vaclav Smil wirft Kurzweil gerade vor, die Biosphäre zu vergessen: Unsere Zivilisation unterliege denselben Zwängen wie die früheren, und das Wachstum sei durch die physischen Bedingungen der Biosphäre und durch eine begrenzte Bandbreite metabolischer Möglichkeiten beschränkt. In Growth (2019) fasst er diese Spaltung als Gegensatz zwischen dem Ökonomen, der im Wachstum Wertschöpfung sieht, und dem Biologen, der darin eine Zerstörung der natürlichen Welt sieht, zusammen. Marian Tupy hingegen ist eindeutig: Die Atome sind endlich, aber das Wissen ist unendlich. Auf welcher Seite stehen Sie? Wie wird der versprochene Überfluss dem sehr konkreten Bedarf der KI an Strom, Chips und Rechenzentren gerecht? Und welchen Platz räumen Sie dabei der Kernenergie ein?
AM: Überfluss ist ein junger Begriff, von Peter Diamandis geprägt und heute vielfach aufgegriffen. Es ist die Idee, dass die Knappheit irgendwann verschwindet und man eine ganze Reihe von Gütern und Dienstleistungen nahezu kostenlos verteilen kann. Es gibt eine gewisse Verherrlichung des Überflusses, aber es stimmt, dass sich der Fortschritt als stark „deflationär“ ankündigt und man sich nahezu kostenlose Güter und Dienstleistungen vorstellen kann; manche werden einwenden, dass man an die Grenzen der Stromerzeugung stoßen wird. Daher die Bedeutung dessen, was Sie über die Kernenergie sagen. Aber eine unendliche Stromquelle ist die Sonne – zumindest bis zum Verschwinden der Erde und dann der Sonne. Vorerst ist das dennoch die richtige Spur.
Die Sonne kann man auf zwei Arten nutzen: mit Solarpaneelen oder indem man sie durch Kernfusion nachbildet. Beim Solarstrom befinden wir uns bereits auf einer umgekehrten Exponentialkurve: Wahrscheinlich gibt es Grenzen. Und die Kernfusion ist wohl näher, als man dachte: Der erste Fusionsreaktor ist nach heutigem Stand für 2028 vorgesehen, im Rahmen eines Vertrags zwischen Microsoft und einem mittelgroßen Hersteller. Ohne öffentliche Gelder. Wir werden sehen, was daraus wird. Aber ob 2028, 2035, 2045 oder 2055: Energieüberfluss wird die beste Antwort auf all unsere Probleme sein. Es ist eine Frage des Zeitplans. Die Befürworter des Degrowth sagen: „Wir werden nie genug Energie haben.“ Das ist falsch: Der Überfluss wird bald da sein. Der Mensch hat immer Dinge erfunden, um weiterzukommen.
Kann es irgendwann eine rein physische Grenze geben? Einen Mangel an Materialien zum Beispiel? Schön und gut, aber wer sagt mir, dass ich mit den Fortschritten bei den Nanomaterialien nicht jede Menge bestehender oder neuer Materialien Molekül für Molekül herstellen kann? Die menschliche Intelligenz ist unbegrenzt, egal wie die Ressourcen aussehen: Die Ressourcen mögen begrenzt sein, aber wir werden Wege finden, diese Grenzen zu umgehen. Ich glaube an den Homo creator, und das macht mich zum Optimisten. Und sollten wir zufällig an planetare Grenzen stoßen, ist das nicht schlimm: Es gibt das Interplanetare. Da sind zunächst die Asteroiden, die ganz außergewöhnliche Rohstoffquellen sind, und dann die Möglichkeit, den Menschen ins All zu schicken. Da rede ich wie Musk oder Jeff Bezos. Nun, kehren wir zur Erde zurück.
TES: Ganz zu schweigen von den Millionen, ja Milliarden humanoider Roboter, die Elon Musk als Arbeitskräfte auf den Markt bringen will …
AM: Ja, natürlich. Ich weiß nicht, ob sie von Musk oder von anderen auf den Markt gebracht werden, aber wir steuern mit Sicherheit auf ein oder zwei Roboter pro Mensch zu. In welchem Zeitraum? Vermutlich langsamer, als Elon Musk denkt, aber es wird so kommen.
Ich nehme ein konkretes Beispiel. In Frankreich wird viel über eine Reform der umlagefinanzierten Rente gesprochen – natürlich braucht es daneben auch eine kapitalgedeckte Altersvorsorge und sogar Kapitalfonds unabhängig von der Rente, aber das ist eine andere Geschichte. Die Leute zerfleischen sich darüber, wie die umlagefinanzierte Rente in 45 Jahren bezahlt werden soll: Soll das Rentenalter bei 64, 65 oder 67 Jahren liegen? Wir haben keine Ahnung, wie hoch die Lebenserwartung in 45 Jahren sein wird. 85 Jahre, 150 Jahre oder mehr? Niemand weiß es. Und ich spreche von einer Langlebigkeit bei guter Gesundheit, denn der medizinische Fortschritt lässt heute die Vorstellung zu, sehr, sehr lange alt zu sein und dabei gesundheitlich jung zu bleiben. Und weiß man, wie viele Millionen oder Dutzende Millionen Roboter in 45 Jahren in Frankreich arbeiten werden?
Ich nehme dieses Beispiel, um zu zeigen, wie überholt diese Debatten sind. Heute fragt man sich, ob man mehr Lehrer braucht, ob man Gymnasien bauen oder renovieren soll. Das ist absolut verrückt! Wir wissen sehr wohl, dass das Wichtigste ist, über die Veränderung der Art und Weise nachzudenken, wie wir bilden. Da muss die Debatte stattfinden, nicht bei den Überstunden der Lehrer oder beim Toilettenpapier der Schulen. Im Übrigen wird die Veränderung der Unterrichtsweise ipso facto auch die Architektur unserer Schulgebäude verändern. Man könnte beides tun, vorausgesetzt, man führt zumindest die wesentliche Debatte.
TES: In Greta a tué Einstein (Greta hat Einstein getötet) stelle ich die Wissenschaft der Ingenieure, die Grenzen verschiebt, der Wissenschaft der Gesetzgeber gegenüber, die sie in Normen, Verbote und Steuern verwandelt. Unter Ihren Posts halten Ihnen viele Kommentare Dürre und Klima entgegen. Kann die Innovation den Kulturkampf gegen Degrowth und den Diskurs der planetaren Grenzen gewinnen?
AM: Wenn ich richtig verstehe, geht es um das Verhältnis zwischen den Fortschritten von Wissenschaft und Technik auf der einen Seite und der Politik auf der anderen? Was ich fürchte, ist die Wissenschaft der Sozialingenieure, derer, die vorgeben, die Architekten oder Ingenieure der Gesellschaft zu sein. Es ist der szientistische Anspruch, die Gesellschaft zu regeln, Baupläne für die Gesellschaft zu entwerfen, was manche dazu bringt zu sagen: „Sie haben Anspruch auf drei Minuten Duschen pro Tag, aber nicht auf vier.“
TES: Oder auf vier Flüge pro Erwachsenem und Leben.
AM: Da sind wir im Irrenhaus!
Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs. Wir sind von der Agrarzivilisation, die vor fast zehn Jahrtausenden begonnen hatte, Mitte des 18. Jahrhunderts zur Industriezivilisation übergegangen. Und jetzt gehen wir zur Zivilisation des digitalisierten Wissens über. Das ist eine äußerst schwierige Zeit, denn das Alte stirbt nur mühsam und das Neue entsteht nur mühsam. Dazwischen gibt es viele Konflikte, insbesondere mit denen, die sozusagen die Sozialingenieure sind, Träger eines etatistischen Denkens, die Mühe haben, die Notwendigkeit dessen zu verstehen, was man eine spontane Ordnung nennen könnte. Wir werden die Zukunft nicht erfinden: Sie erfindet sich von selbst. Es geht darum, sie zu ermöglichen, gegebenenfalls hier und da einige Nebenwirkungen zu korrigieren, aber im Grunde geht es darum, die Zukunft entstehen zu lassen.
Es gibt also einen grundlegenden Konflikt mit der alten etatistischen Politikwissenschaft, die alles steuern möchte, während es äußerste Freiheit braucht – korrigieren werden wir später, wir werden sehen –, um auf allen Gebieten so schnell und so gut wie möglich voranzukommen. Wir sprachen über Bildung; ich könnte über Krankheit sprechen, über all die Eltern, die auf eine Behandlung für ihre schwer kranken Kinder warten, deren Leben in Gefahr ist. Man muss schnell handeln. Da bin ich ganz Silicon Valley, Peter Thiel, Musk … Wir haben nicht das Recht, den Fortschritt zu bremsen, auf den so viele Menschen warten. Wir haben die Pflicht, umsichtig zu sein – das ist etwas anderes.
Aber heute gibt es einen Konflikt mit den alten Etatisten, die gern alles reglementierten, die spüren, dass diese neue Welt nicht die ihre ist, und die begriffen haben, dass die Angst vor dem Fortschritt – es gibt sie – gut für sie ist und dass man sie am Leben erhalten muss. Denn für einen Politiker heißt Angst: „Zum Glück bin ich da. Haben Sie keine Angst, ich werde Ihnen Sicherheit geben.“ Die Angst schafft einen Markt für Sicherheit, und der Markt für Sicherheit bringt die etatistische Politik von gestern und vorgestern zurück: „Zum Glück gibt es mich, zum Glück gibt es den Staat.“ Das ist das große Problem, mit dem wir heute konfrontiert sind. Es stellt sich nicht in allen Ländern gleich, aber da Frankreich von Natur aus etatistischer ist als andere, ist es normal, dass unsere etatistische Kultur viel mehr Probleme verursacht als anderswo.
Europa, das Hinterzimmer der Angst
TES: Man kann Europa als das weltweite Hinterzimmer der Angst vor wissenschaftlichem und technischem Fortschritt beschreiben: Green Deal, AI Act, Vorsorgeprinzip … Droht das fabelhafte Jahrzehnt nicht ein amerikanisches und chinesisches zu werden? Was müsste vorrangig abgebaut werden?
AM: Man sieht es deutlich an all den europäischen Versuchen, alles zu regulieren, was neu aufkommt: Es ist noch nicht einmal bei uns angekommen, da ist es schon reguliert. Und man sieht die Probleme, die das verursacht, wenn fantastische Fortschritte wegen der europäischen Regulierung in Europa nicht vermarktet werden können. In manchen Fällen kann man sagen, dass die europäische Regulierung letztlich eine gute Sache ist. Aber in vielen Fällen ist sie absurd. Man muss weitermachen, man muss innovieren: Es gibt keinen Grund, den Fortschritt an uns vorbeiziehen zu lassen, während China und die Vereinigten Staaten innovieren und wir im Rückstand sind. Wenn sich das verallgemeinern sollte, wenn man wirklich das Gefühl hätte, dass der Fortschritt anderswo stattfindet, würden viele Menschen auswandern, und andere würden vielleicht rebellieren und sagen: „Wir können nicht im Stillstand verharren.“
Eine Anekdote: Ich bin Aktionär eines schönen Start-ups. Eines Tages kam, ohne dass wir irgendjemanden angesprochen hätten, ein amerikanischer Fonds zu uns und sagte: „Großartig, was Sie da machen. Wollen Sie das wirklich in Frankreich machen?“ Er sagte uns nicht, wir sollten in die Vereinigten Staaten kommen, sondern: „Gehen Sie, wohin Sie wollen, aber machen Sie das nicht in Frankreich.“ Und angesichts meiner Vergangenheit war ich überrascht zu hören: „Frankreich, Monsieur, ist ein kommunistisches Land. Mit einem kommunistischen Land kann man nicht arbeiten.“
TES: Sollte das Vorsorgeprinzip aus der Verfassung gestrichen werden? Und wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet die Rechte diese Häresie zu verantworten hat?
AM: Zunächst eine Klarstellung: Man hätte es nicht hineinschreiben dürfen, und ich war der einzige Abgeordnete, der dagegen war. Ich habe gegen diese Häresie gekämpft. Es ist zunächst eine Häresie in technologischer Hinsicht, das ist angesichts dessen, was wir gerade gesagt haben, offensichtlich. Dass es ein Vorsorgeprinzip im einfachen Gesetz gibt, einverstanden. Aber wenn man es in die Verfassung schreibt, wird es ernst. Die Verfassung ist aufgrund der Werte, deren Erbin sie ist, um ein Prinzip herum aufgebaut: „die verantwortete Freiheit“. Wenn man gleichrangig, ohne Hierarchie zwischen beiden, das Prinzip der „unter Generalverdacht stehenden Freiheit“ einführt, ist das ein bisschen so, als würde man Wasser und Feuer zusammenbringen und sie bitten, friedlich miteinander auszukommen. Das geht nicht! Der Verfassungsrichter weiß damit nicht umzugehen. Je nach Strömungen, Interessengruppen usw. wird er in die eine oder andere Richtung gehen – in der Regel in Richtung Vorsorgeprinzip, weil sich, wie gesagt, Angst gut verkauft.
Es ist wirklich eine Häresie, und ich weiß nicht recht, wie man das rückgängig machen kann, zumal man noch eine weitere Ungeheuerlichkeit begangen hat: Man hat die Umweltcharta in die Verfassung aufgenommen, die ein Katalog von Eingriffen in die Freiheiten ist.
TES: Dank der Rechten …
AM: Natürlich, dank der Rechten. Das sind Fehler, die äußerst schwer zu korrigieren sind. Wie unser gesamtes Verfassungsrecht, das im Verhältnis zu unseren Grundwerten völlig pervertiert wurde. Die Rechte, deren Erben wir sind, sind Freiheitsrechte: die Freiheit, etwas zu tun, begrenzt allein dadurch, nicht in die Freiheit anderer einzugreifen, was ein Gleichgewicht und eine sehr klare Rechtsordnung ergibt. Nun hat man unseren Freiheitsrechten „Rechte auf“ hinzugefügt. Wenn ich das „Recht auf Wohnung“ festschreibe, gibt das natürlich nicht jedem die Möglichkeit, eine Wohnung zu haben, aber es gibt der Regierung das Recht, die Wohnungspolitik übermäßig zu reglementieren. Die Verfassungen der Volksdemokratien Osteuropas waren übrigens voll von „Rechten auf“: Jedes Mal waren es Befugnisse, die der Regierung übertragen wurden.
KI: Werkzeug der Freiheit oder der Kontrolle?
TES: KI kann befreien, aber sie kann auch rationieren – etwa mit einer Bankkarte, die unseren CO₂-Fußabdruck deckeln würde: So etwas gibt es. Wie verhindert ein Liberaler, dass diese Werkzeuge zu Instrumenten einer grünen Planwirtschaft werden oder gar zu Dystopien nach Art des chinesischen Sesame Credit?
AM: KI kann in den Händen eines totalitären Landes zu einem Überwachungsinstrument werden, das sieht man in China; sie kann ein Mittel sein, die Freiheit auszumerzen. Mit neuen Unterrichtsmethoden könnte sie dazu dienen, die Menschen zu zwingen, so zu denken, wie es das Regime will. Es gibt enorm viele Probleme mit der KI, aber das gilt für alle Technologien. Die katholische Kirche sah im Aufkommen des Buches die Ungeheuerlichkeit aller Ungeheuerlichkeiten: Man würde allen Menschen Bücher in die Hand geben, und das würde vielleicht zur Gedankenfreiheit führen. Wie entsetzlich! Natürlich kann ein Küchenmesser in den Händen eines Dschihadisten dazu dienen, jemandem die Kehle durchzuschneiden.
Es gibt eine kleine Geschichte, die ich manchmal erzähle. Es ist die von Félix Fénéon, einem recht berühmten Anarchisten zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, der auch Kunstkritiker und ein brillanter Ästhet war. Da er mit militanten anarchistischen Kreisen verbunden war, wurde er regelmäßig verhaftet, und jede neue Verhaftung Fénéons war ein Fest für das Tout-Paris, das ins Gericht strömte, um seine schlagfertigen Antworten vor den Richtern zu hören. Eines Tages sagte der Vorsitzende Richter zu ihm: „Monsieur Fénéon, Sie hatten ein Messer bei sich. Wussten Sie, dass Sie jemanden hätten töten können?“ Fénéon wandte sich zu ihm: „Herr Vorsitzender, wissen Sie, dass Sie etwas bei sich tragen, womit man eine Vergewaltigung begehen kann?“ Will heißen: Man kann nicht alles in einen Käfig sperren.
TES: Sie sprechen selbst die Schattenseiten dieser neuen Welt an: Arbeit, sozialer Zusammenhalt, Langlebigkeit. Unter welchen Bedingungen wird technischer Fortschritt zu einem Fortschritt für jeden Einzelnen?
AM: Die Vernichtung von Arbeitsplätzen? Ja, natürlich. Aber ich glaube, wenn das Tempo des Fortschritts Arbeitsplätze vernichtet, wird es auch neue schaffen, vielleicht sogar mehr. Arbeit ist ihrem Wesen nach unbegrenzt: Es gibt nur Hindernisse. Wir werden eine enorme Kreativität bei der Arbeit und bei neuen Tätigkeiten erleben. Werden wir es verstehen, davon zu profitieren, oder werden wir versuchen, all das in das alte Arbeitsgesetzbuch zu zwängen, das für die Zivilisation der Fabrik gemacht wurde? Darin liegt ein politisches Risiko: dass man die Vergangenheit bevorzugt.
Ein Beispiel für den Wandel: Anfang dieses Jahres ist etwas Neues aufgetaucht – KI-Agenten. Von seinem Smartphone aus kann man ein ganzes Projekt aufsetzen und ein ganzes Team zusammenstellen: die besten Ingenieure, die besten Marketingfachleute, die besten Talente. Sie werden für Sie arbeiten, sich untereinander abstimmen, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag … Sie arbeiten für Sie, während Sie schlafen. Es werden neue Unternehmensformen entstehen. Neu ist, dass die Kosten für die Gründung und den Betrieb eines Unternehmens auf nahezu null sinken. Und wenn diese Kosten einbrechen, wird sich die Zahl der Unternehmer vervielfachen. Vervielfachen wird sich, so hoffe ich, auch die Zahl der jungen Menschen, die das Abenteuer reizt. Vor allem werden unzählige Tätigkeiten möglich, die man nicht ausüben konnte, solange sie extrem teuer waren. Wir werden neues Land entdecken, das bisher brachlag: viele neue Tätigkeiten, die mit den neuen Bedürfnissen dieser neuen Welt zusammenhängen.
Die Langlebigkeit wird viele neue Arbeitsplätze schaffen. Die Bildung ebenfalls. Man wird lernen wollen, gut zu denken. Man lernt also Rhetorik, man lernt, gegen Sophismen anzugehen; andere werden die Geisteswissenschaften pflegen. Kurz, es entsteht eine Fülle neuer Berufe: Berufe für den Menschen, Berufe für die künstliche Intelligenz und Berufe für den mit künstlicher Intelligenz ausgerüsteten Menschen – all das dank agentischer KI.
Ich schaue mir an, was im Ausland gemacht wird: Schon in der zehnten Klasse lernen die Jugendlichen, sie für Projekte zu nutzen, um Unternehmen zu gründen usw. Ich habe sogar Fotos aus China gesehen, auf denen Leute solche Kurse an Straßenständen gaben und den Umgang damit beibrachten. Und was macht man in Frankreich? Nichts. Wir müssen uns mobilisieren. In Frankreich gibt es eine ziemlich starke Angst vor dem Fortschritt. Diejenigen, die diese Ängste ausnutzen, sind sehr mächtig, und sie breiten sich umso bereitwilliger aus, als wir unter einem völligen Wachstumsstillstand leiden. Mit 0,4 oder 0,5 % Wachstum bräuchte ich 150 Jahre oder mehr, um mein Einkommen zu verdoppeln. Man hat das Gefühl, völlig festzustecken, und wenn man dieses Gefühl hat, hat man vor allem Angst, man zieht sich in sich selbst zurück.
In dieser Situation glaube ich, dass die Aktivisten des Fortschritts – wie Sie, wie ich, wie andere – sagen müssen: „So geht es nicht weiter, es gibt außergewöhnliche Chancen, Fenster werden sich öffnen, bewegt euch!“ Wir haben eine Verantwortung: die Zukunft liebenswert zu machen. Man kann Reden halten, wie ich es hier tue, aber man ist nicht unbedingt glaubwürdig. Wenn ich hingegen einem jungen Menschen konkret zeige, was er mit agentischer KI machen kann, öffnen wir ihm die Türen des Fortschritts … Es macht in Wirklichkeit sogar Spaß: Man kann drei Projekte am Tag testen, so unterhaltsam ist das. Das wird die Videospiele ersetzen. Junge Menschen verstehen sehr schnell. Hier liegt eine gemeinsame Pflicht der Akteure des Fortschritts, zu zeigen, dass die KI ihre Freundin ist.
TES: Können Sie uns von Ihrem Projekt Kairos erzählen? Es stützt sich auf künstliche Intelligenzen, die Botschaften testen, Reposts vorbereiten und Inhalte massenhaft verbreiten können. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Überzeugung und Manipulation?
AM: Kairos ist eine Struktur, die wir mit einigen Freunden gegründet haben, um Projekte zu inkubieren. Wir haben einen Film über die Zukunft inkubiert, Projekte zur Verwaltungsvereinfachung usw. Heute wollen wir die Idee der Taschenunternehmen mit künstlicher Intelligenz inkubieren, die Nutzung agentischer KI. Kairos ist ein griechisches Wort: Es gibt Momente in der Geschichte, in denen etwas vorbeizieht, das man ergreifen muss. Ich glaube, wir befinden uns in einem solchen Moment: Es gibt eine Chance, die diejenigen ergreifen sollten, die die Freiheit und die Verantwortung lieben und an die Zukunft glauben. Ich wollte etwas machen, das die künstliche Intelligenz voll ausschöpft, um so weit wie möglich zu gehen. Ich bin ein paar Monate im Verzug.
Sie fragen mich, wo die Grenze zwischen Überzeugung und Manipulation liegt: Für mich ist die Grenze die Ethik. Alles, wovon ich spreche, die KI, kann man benutzen, um zu lügen oder um die Wahrheit wiederherzustellen. Es ist wie mit meinem Küchenmesser. Ich nehme ein Beispiel. Ich nutze eine künstliche Intelligenz, die auf die Kunst des Argumentierens, Rhetorik, Sophismen und Spieltheorie spezialisiert ist – vereinfacht gesagt: die Kunst, gut zu denken. Ich habe ihr eine große Rede von Mélenchon gegeben und sie um eine rhetorische Analyse gebeten. Sie hat mir eine großartige Analyse geliefert, wirklich Hut ab, bis ins kleinste Detail; ich war begeistert. Am Ende schlug sie mir vor: „Soll ich dir eine schlagkräftige Rede als Antwort schreiben?“ Sehr gute Idee. Sie hat mir eine wirklich fantastische Rede geschrieben: Darin war nicht mehr von Rhetorik oder sophistischen Figuren die Rede, aber die Rede war wirklich gut gemacht. Das, glaube ich, ist nützliche Intelligenz. Ich manipuliere nichts: Ich halte mich wirklich an die Regeln des Denkens – in diesem Fall die Verwendung von Sophismen, um zu lügen. Ich nehme sie auseinander, und ich verbiete mir – wer mich kennt, weiß es – die Bequemlichkeiten der Demagogie.
Die Zukunft entriegeln
TES: Was sollte ein Kandidat bei der französischen Präsidentschaftswahl 2027 konkret vertreten, um die Zukunft zu entriegeln? Was wären Ihrer Meinung nach die richtigen Grundsätze einer Wissenschaftspolitik?
AM: Darauf weiß ich nicht recht zu antworten, außer mit einer allgemeinen Aussage. Was ich von einem Präsidenten der Republik verlange, ist: „Hören Sie auf, uns zu erzählen, was Sie angeblich tun wollen. Das Wesentliche ist, die Zukunft zu entriegeln, damit die Erbauer der Zukunft im Tempo der Zukunft vorankommen können.“
Bei der wissenschaftlichen Forschung gibt es natürlich Haushaltsprobleme, aber auch strukturelle Probleme. Vielleicht kennen Sie, wie ich, Forscher, die ins Silicon Valley gegangen sind, um sich dort zu entfalten. Was erzählen uns diese CNRS-Forscher, die dorthin gegangen sind? Natürlich verdienen sie Geld, aber vor allem sagen sie mir: „Was für eine frische Brise! In der Cafeteria kann ich einen Nobelpreisträger treffen und mit ihm reden, während ich bei uns nicht einmal einen Nobelpreisträger über mir habe, aber schon Hierarchiestufen. In Frankreich habe ich ein ganzes Mille-feuille an Hierarchie über mir.“ Forschung ist vor allem ein Ökosystem.
Niemand hat das Silicon Valley gemacht. In Frankreich träumt jeder davon, sein eigenes Silicon Valley zu schaffen. Aber ehrlich gesagt: Was ist das Silicon Valley? Es ist die Begegnung einer großen privaten Universität mit den Erfindern des Private Equity. Es ist keine bürokratische Erfindung.
Die Zukunft liebenswert machen
TES: Was würden Sie einem jungen Europäer sagen, der mit Öko-Angst aufgewachsen ist und nun auch mit Angst vor der KI, um ihn davon zu überzeugen, dass die Zukunft ein Versprechen ist und keine Bedrohung?
AM: Um ihn zu überzeugen, würde ich das nutzen, was ich vorhin gesagt habe: „Hier, hol dein Handy aus der Tasche, und schau, was du jetzt damit machen kannst.“ Und dann wird er die Augen weit für die Zukunft öffnen.
Interview von The European Scientist am 7. Oktober 2026.
Dieses Interview wurde auf Polnisch von dem Medium Wszystko co najważniejsze übernommen: „Lata 2026-2036 to najwspanialsza dekada w historii ludzkości“ („2026-2036 ist das großartigste Jahrzehnt der Menschheitsgeschichte“).
This post is also available in: EN FR